Mutter sein: Ein Leben außerhalb meiner Komfortzone

Seit ich Mutter bin, lebe ich außerhalb meiner Komfortzone. Das ist anstrengend, aber auch wunderschön. Und der gewollte Schritt raus erleichtert mir sogar den Alltag.

Mein Leben findet mittlerweile seit über einem Jahr außerhalb meiner Komfortzone statt. Es ist seit dem nicht schlechter, denn der Grund dafür ist ganz wunderbar, aber es ist um so vieles anstrengender geworden.

Dieser Text hat sich schon einige Male in meinen Gedanken geschrieben. Abends, vorm Einschlafen nach einem besonders kräftezehrendem Tag. Aber ich habe ihn bisher nicht getippt, denn einerseits fehlte mir meist schlicht die Konzentration dazu und andererseits wollte ich nicht jammern. In den letzten Tagen ist mir aber bewusst geworden: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Jammern und Gefühle ausdrücken.

Dieser Text soll letzteres. Soll erzählen, wie es mir geht; als Mutter. Als Bezugsperson eines kleinen Menschen. Als der Mensch, der im Normalfall und gerade jetzt in dieser Corona-Krise, den gesamten Tag mit ein und demselben Menschen verbringt: Meinem Kind.

Diesem wunderbaren, witzigen, aufgeweckten, lebenslustigen, bezaubernden kleinem Wesen. Diesem Hitzkopf, Sturkopf und Querkopf. Noch keine 2 Jahre alt, aber übt schon mal für die Trotzphase. Frühaufsteher, Outdoor-Kind und Musikhörer.

Wie ich bin

Ich habe gerne meine Ruhe (wortwörtlich und sinnbildlich). Ich habe kein Problem damit alleine zu sein, bin es meist sogar gerne und bis ich mich einsam fühle muss schon eine sehr lange Zeit ohne irgendeine Art von sozialen Kontakten verstreichen.

Mein Wohlfühl-Traum-Sonntag enthält ein gutes Buch, Zeit vorm Rechner und vielleicht ein Treffen mit Freunden und/oder der Familie. Aber nicht ganztags, nur zwischendurch zum Kaffee, einem gemeinsamen Ausflug oder im Sommer abends zum Grillen. Beginnen tut der Tag auf jeden Fall mit Ausschlafen, gefolgt von einem gemütlichen Frühstück.

Wie mein Kind ist

Mein Kind hingegen kommt (zumindest macht es bisher den Eindruck) mehr nach seinem Vater. Was wunderbar ist, denn wäre das kein toller Mensch, gäbe es das Kind nicht. Aber: Das erleichtert meinen Alltag momentan nicht.

Frühaufsteher, von Anfang an. Unser Tag beginnt gegen 6. Wenn ich ganz viel Glück habe 6:30. Im Winter hieß das eine lange dunkle Zeit am Morgen überbrücken, in der ich nur funktioniert habe, aber seelisch noch im Bett lag.

Hinzu kommt ein ausgeprägter Bewegungsdrang: Frühes Krabbeln und Laufen (zumindest statistisch) trifft auf eine ungeheure Neugierde und einen starken Willen. Alles ist interessant und muss ganz genau untersucht werden. Und wenn ich der Meinung bin, dass das nicht untersucht werden sollte (wie beispielsweise Steckdosen oder Messer), wird vehement protestiert.

Das Kind braucht vielfältige Eindrücke um ausgelastet zu sein: Andere Kinder beobachten gehört zu den liebsten Beschäftigungen. Spielgruppen aller Art sind da sehr willkommen. Ruhig auch mehrmals in der Woche. Und an den anderen Tagen einzelne Treffen mit anderen Kindern. Zuhause dann Duplo bauen, Rutscheauto fahren, Sandkiste leerräumen und Soundbücher*abspielen.

Wie das zusammenpasst

Nicht auf Dauer. Nicht ohne Pause für mich.

Die Zeit, die ich mit meinem Kind verbringe ist toll. Ich möchte die Grundsituation nicht ändern und bin sehr froh, dass wir es uns erlauben können, dass meine Elternzeit länger als 12 Monate dauert. Das ist ein Privileg, das ich zu schätzen weiß.

Aber nur, weil ich es so möchte, muss das ja nicht heißen, dass es mir damit immer gut geht. Ich empfinde den Alltag als anstrengend und kräftezehrend. Selbst, wenn das Kind nachts sehr gut schläft und einen Mittagsschlaf macht, zwischendurch auch mal 5 Minuten alleine spielt, gerne und mit Appetit isst, nicht den ganzen Tag auf den Arm oder den Schoss möchte und es nicht einen Wutanfall gibt, ja, selbst dann bin ich abends kaputt.

Raus aus der Komfortzone als Lösung

Die Tage sind einfacher, wenn ich Pausen habe. Momente, in denen sich meine Aufmerksamkeit nicht mehr 100% auf das Kind richten muss, sondern sich auch auf etwas anderes konzentrieren kann.

Eine Pause ist dabei natürlich der Mittagsschlaf, aber auch Momente, von denen ich das früher niemals gedacht hätte, verschaffen mir Pausen und sorgen dafür, dass ich abends entspannter und wacher bin: Aktivitäten.

Aktiv etwas unternehmen sorgt dafür, dass ich kurzzeitige Pausen vom „Mutter sein“ bekomme. Ein langer Spaziergang mit dem Kinderwagen, bei dem der Kopf herrlich abschweifen kann und das Kind glücklich die Umgebung beobachtet und jedem Hund zuwinkt.

Der Besuch von Spielgruppen gehört auch dazu. Früher wäre allein die Vorstellung mich 90 Minuten mit 7 anderen Erwachsenen und den dazugehörigen Kindern in einem Raum aufzuhalten nervig gewesen, jetzt klingt es nach Urlaub. Das Kind ist beschäftigt, braucht nur ab und zu die emotionale Rückmeldung, dass alles in Ordnung ist, und ich kann währenddessen mit anderen Erwachsenen reden (sogar über andere Themen als Kinder!) oder mich still in eine Ecke setzen und einen Kaffee trinken. Je nachdem, wie der Tag bis dahin war.

Auf dem Spielplatz mit fremden Menschen ins Gespräch kommen, sich per Sprachnachricht zum gemeinsamen Rutscheautofahren verabreden oder 5 Minuten auf der Straße stehenbleiben und mit der Nachbarin 2 Straßen weiter quatschen, weil die so einen süßen Hund hat, der das Kind begeistert … alles Dinge, die 2018 noch undenkbar gewesen wären für mich, die mir jetzt aber meinen Alltag erleichtern.

Die Gleichung dahinter ist einfach: Je mehr wir unternehmen, desto mehr erlebt das Kind. Je mehr das Kind erlebt, desto ausgeglichener ist es. Je ausgeglichener das Kind ist, desto besser ist die Stimmung. Beim Kind und bei mir.

Seit ich Mutter bin, lebe ich außerhalb meiner Komfortzone. Das ist anstrengend, aber auch wunderschön. Und der gewollte Schritt raus erleichtert mir sogar den Alltag.

Dann kam Corona

Und das gesamte Kartenhaus brach in sich zusammen. Keine Spielgruppen, keine privaten Spieltreffen, nicht mal ein Besuch bei den Urgroßeltern.

Wir haben glücklicherweise die Möglichkeit bei uns im Garten für Beschäftigung zu sorgen. Mein alter Quadro Großbaukasten* (knapp 30 Jahre alt und noch stabil!) ist jetzt ein kleines Klettergerüst mit Rutsche. Eine Sandkiste hatten wir auch vorher schon, jetzt aber noch zusätzlich eine Schaukel, die wir am öffentlichen Wäscheplatz aufhängen können. Und nach Benutzung wieder ab.

Glücklicherweise spielt das Wetter mit, denn drinnen wären das Kind und ich sicherlich schon durchgedreht.

Aber trotzdem: Zur sowieso schwierigen Zeit einer Pandemie gesellt sich hier noch ein Kleinkind, das beschäftigt werden möchte. Das etwas erleben möchte. Das ganz aufgeregt wird, wenn wir dem Spielplatz näher kommen. Und nicht versteht, wenn wir dran vorbei gehen. Und das den Kontakt zu anderen Kindern liebt, jetzt aber keine sehen darf.

Wir haben trotzdem schöne Tage. Versuchen Spaß zu haben, aus der Ferne andere Kinder zu beobachten und freuen uns, wenn die Nachbarn auch im Garten sind und etwas los ist um uns herum.

Aber ich bin jetzt abends wieder erschöpft. Bin fix und fertig und falle einfach nur noch ins Bett. Ich lebe weiterhin außerhalb meiner Komfortzone, habe den gesamten Tag einen Menschen um mich. Einen Menschen, den ich liebe und der mir unglaublich viele tolle Momente beschert, die ich nicht missen möchte. Einen Menschen, für den ich jetzt tagsüber jederzeit 100% anwesend sein muss.

Ich sehne mich nach Pausen. Nach mehr Möglichkeiten für Aktivitäten, damit ich mich wieder aktiv aus meiner Komfortzone wagen kann und mir dadurch den Alltag erleichter.


Wie ist (oder war) für euch das Leben mit Kleinkind?

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6 Kommentare
  • Also ich finde auch nicht dass du mit dem Beitrag jammerst, sondern du legst deine Gefühle dar und bist ehrlich, das finde ich toll. Gerade in Bezug auf Schwangerschaft und das anschließende Mutter-Da-Sein sollten wir das generell öfter sein. Da wird mir noch zu viel in Watte gepracht, alles übertrieben schön dargestellt und dabei nicht über die echten Gefühle gesprochen. Natürlich liebt man sein Kind, aber es wird immer noch gerne verheimlicht, dass die Tage auch anstrengend und stressig sind, man manchmal vielleicht das gefühl hat durchzudrehen. Viele fühlen sich ja dann gleich schuldig, wenn sie das zugeben, dabei finde ich da Ehrlich so wichtig, dass wir auch das thematisieren, weil das hilft. Man weiß, dass man nicht alleine ist. Deshalb finde ich es toll, dass du den Beitrag veröffentlicht hast. Ich habe zwar keine Kinder, aber konnte deine Situation gut nachvollziehen, auch das Corona für dich jetzt besonders viel Stress bedeutet. Leser*innen mit kleinen Kindern, werde sich nun sicherlich wiedererkannt haben, vielleicht entsteht dadurch ja auch ein toller Diskurs und man kann sich gegenseitig Tipps geben, wie jeder mit der Situation umgeht.

    Lg Nicole
    #litnetzwerk

    • Moin Nicole,
      da bin ich mal wieder ganz deiner Meinung. Schwangerschaft und alles was folgt wird wirklich noch zu oft zu positiv dargestellt. Für manche ist es vielleicht auch alles schön, aber ich finde es wichtig, dass man zeigt, dass nicht alles toll sein muss, damit man es trotzdem mag.
      LG Lexa

  • Liebe Lexa

    auch wenn du hier deine Gefühle aufzeigst, was ich toll finde, denn ich mag Blogs die authentisch sind, finde ich das auch mal jammern dazu gehören darf. Klar, man sollte dann nicht in Selbstmitleid versinken, das ist kontraproduktiv aber mal so richtig jammern tut auch gut.

    Aber nun zu deinem Post, ich muss gestehen, ich bin da gaaaaanz anders als du. Auch mit meinen Kindern. Ich war Vollzeit Mama und hatte auch nie die Möglichkeit mal die Kinder abzugeben. Für mich war das völlig okay. Was nicht heisst das ich nicht manchmal, oder sehr oft am Anschlag war, denn mein Jüngster hat ADHS und da schon von klein an. So richtig zum tragen kam dass dann als er in den Kindergarten musste. Also, ich kann dir dennoch nachfühlen wie es dir gehen muss. Es ist natürlich schon brutal wenn alles auf einen Schlag weg bricht was einem die zeit erleichtert. Ich seh es auch bei meinen beiden Töchtern, beide haben Kinder, zwar in unterschiedlichen Altersgruppen aber jedes davon fordert auf seine Art sehr viel Aufmerksamkeit. Eben weil man nicht mehr raus kann, weil keine Spielkameraden mehr eingeladen werden dürfen und so weiter. Für die Kinder ist es besonders schwer. Und so natürlich auch für die Eltern.

    Und darum hoffe ich jetzt das du dich nicht schlecht fühlst das du so fühlst oder denkst?! Das ist normal, und jeder hat das recht darauf! Und nur weil es viele nicht sagen, heisst das nicht das es anderen Müttern nicht auch so geht 😉 Glaub mir, es geht vielen so, gerade jetzt auf alle Fälle.

    Ich wünsch euch viel Kraft, Geduld und gute Nerven. Ich hoffe sehr das es bald vorbei ist, also wenn es natürlich Sinn macht. Bis dann gutes Durchhalten.

    Herzlich,
    Alexandra

    • Moin Alexandra,
      nein, ich fühle mich nicht schlecht, dass es mir so geht. Ich weiß, dass es okay ist, wenn ich das Mutter sein nicht durch eine rosarote Brille betrachte. Das ändert ja nichts an meiner Beziehung zu meinem Kind.
      Ich habe einfach gemerkt, dass ich eine andere Art Mutter bin, als es uns gesellschaftlich/medial als Idealtyp vermittelt wird. Dadurch bin ich aber nicht schlechter. Jede:r muss seinen eigenen Weg finden und meiner sieht halt so aus. Solange es dem Kind dabei gut geht, ist auch alles gut.

      Es freut mich aber zu lesen, dass du diese Probleme nicht hattest, trotz schwieriger Bedingungen. Dann ist das mediale Bild ja doch nicht nur ausgedacht 😉

      Aber gerade weil viele es nicht sagen, wenn es ihnen dabei nicht gut geht, wollte ich diesen Text dann schreiben. Vielleicht hilft er ja irgendwann mal jemanden bei der Selbstakzeptanz. Und glücklicherweise zeigen gerade jetzt während Corona viele Eltern öffentlich, was alles nicht so läuft, wie man es gerne hätte. Das baut auf.

      LG Lexa

      • Liebe Lexa,

        hm… ich denke das mediale Bild entspricht dennoch nicht der Realität, denn so perfekt ist das leben nun auch nicht. Da wird ja die Mutter als liebende Mutter wie Karrierefrau dargestellt die alles mit links schafft, sie schwitzt nicht mal und hat immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Was ich total irritierend finde.

        Es gibt so viele Machtkämpfe unter den Frauen / Müttern, auch ohne dem Ideal nahe zu kommen, das ich es echt erschreckend finde. Ich dachte früher noch das es meine Kinder hinsichtlich dieses Themas mal leichter haben werden, tja, weit gefehlt.

        Und wie du so schön sagst, jede Mutter, Vater, Eltern, Familie müssen ihren eigenen Weg finden. Und keiner hat das recht da was zu kritiesieren. So verschieden wie der Mensch nun mal ist, sind es die Wege wir man Kinder aufzieht und eine Familie führt. Egal mit welchen Vorstellungen jeder selber an die Sachen rann geht.

        Liebe Grüsse
        Alexandra

  • Hallo,
    du spricht mir sehr aus der Seele! Zwar ist meine Tochter schon drei aber sonst spiegelt es sehr gut meine Gefühlslage wider. Vielen Dank. Es tut immer gut zu hören/lesen, dass es anderen genauso geht.