Eine Kindheit ohne Weihnachtsmann?

Es gibt gute Gründe für eine Kindheit ohne Weihnachtsmann. Doch es ist nicht so einfach, sich von eigenen Kindheitserinnerungen zu lösen.

Wenn du ungefähr zu meiner Generation gehörst, dann wirst du höchstwahrscheinlich mit dem Weihnachtsmann aufgewachsen sein. Egal, ob er an Heiligabend persönlich in deinem Wohnzimmer stand oder du ihn nie zu Gesicht bekommen hast, den Glauben an den Weihnachtsmann hattest du bestimmt.

Oder an das Christkind, je nachdem, wo genau du gelebt hast.

Beide sind sie mystische Wesen, die nahezu unmögliches schaffen an Weihnachten: Jedes Kind auf der Welt wird an einem Abend beschenkt. Der Weihnachtsmann ist die Nummer 1 der Fabelwesen, die einen durch die Kindheit begleiten. Er toppt die Zahnfee, den Osterhasen und auch den Nikolaus um Längen. Er ist wahrscheinlich die am meisten herbeigesehnte Person, und das, obwohl er nur dann Geschenke bringt, wenn man artig war. Unartige Kinder bekommen keine Geschenke. Unartige Kinder bekommen im schlimmsten Fall die Rute zu spüren. Um ihn Milde zu stimmen kann man ihm selbstgebackene Plätzchen anbieten oder, noch besser, fehlerfrei ein Gedicht aufsagen.

Der Rentierschlitten des Weihnachtsmannes ist voll beladen mit Geschenken und kann durch die Luft fliegen. Muss er ja auch, denn Schnee für die Kufen des Weihnachtsschlittens gibt es so gut wie nie an Heiligabend.

Es gibt gute Gründe für eine Kindheit ohne Weihnachtsmann. Doch es ist nicht so einfach, sich von eigenen Kindheitserinnerungen zu lösen.

Meine Erinnerungen an den Weihnachtsmann

Meine persönlichen Kindheitserinnerungen an den Weihnachtsmann sind durchweg positiv. Er war regelmäßig an Heiligabend bei uns zu Gast und brachte immer Wäschekorbe voller Geschenke mit. Vorher lernte ich mit meiner Oma ein Gedicht auswendig, das ich dann aufsagte. Aber ich hatte keine Angst vor dem Weihnachtsmann, denn erstens war ich ein sehr artiges Kind (doch, bestimmt!) und zweitens hat mir auch nie jemand gesagt, dass der Weihnachtsmann nur brave Kinder beschenkt und unartige Kinder von ihm bestraft werden.

Für mich war es einfach nur ein netter alter Mann mit Rauschebart, Rentieren vor dem Schlitten und rotem Mantel, der mir einmal im Jahr Geschenke brachte. Wenn ich Glück hatte, schon vor dem Essen.

Jetzt, wo ich selbst ein Kind habe, überlege ich, welche Traditionen ich weiterführen möchte. Was soll das Kind auch erleben, was ich erlebt habe? Dass es bei uns einen Weihnachtsmann geben wird, habe ich nie in Frage gestellt. Auch mein Mann hat durchweg positive Erinnerungen an Weihnachten mit Weihnachtsmann, deswegen war das eigentlich kein Thema bei uns, sondern stand fest: Unser Kind wird mit Weihnachtsmann aufwachsen. Im besten Fall kommt er Heiligabend persönlich vorbei und verteilt Geschenke. Bescherung mit der ganzen Familie, so mein Idealbild.

Gute Gründe gegen den Glauben an den Weihnachtsmann

Jetzt habe ich dieses Jahr aber schon viele gute Gründe gehört und gelesen, die gegen den Weihnachtsmann sprechen. Ich habe erfahren, dass seine Existenz nicht mehr stillschweigend und einvernehmlich von allen Erwachsenen an jedes Kind vermittelt wird. Es ist tatsächlich eine bewusste Entscheidung, ob und wenn ja, wie, man den Weihnachtsmann in sein Familienleben lässt.

Jedes Geschenke bringende Fabelwesen, und zu diesen gehört der Weihnachtsmann, macht die Arbeit von Eltern unsichtbar. Diese verpacken heimlich Geschenke, verstecken sie und dürfen sich dann noch von ihren Kindern anhören, dass es gut ist, dass es den Weihnachtsmann gibt, denn sie würden ihren Kindern ja nie was schenken.

Viele Eltern wollen ihre Kinder auch schlichtweg nicht anlügen. Und nichts anderes ist es, wenn man vom Weihnachtsmann, Osterhasen oder der Zahnfee erzählt: Eine Lüge. Zwar eine, die aus vermeintlich guten Gründen erzählt wird, aber wahr wird das Gesagte dadurch auch nicht.

Wenn der Weihnachtsmann dann nur Geschenke an brave Kinder verteilt und unartige und böse Kinder mit der Rute bestraft werden können, kann das Angst und Stress erzeugen. Woher soll ein kleines Kind denn ganz genau wissen, dass es ein ganzes Jahr lang artig war? Wie soll ein Kind das überblicken? Und vor allem, wie soll das gehen? Kinder machen Quatsch, bauen Blödsinn und ab und zu geht auch mal was kaputt. Das ist so, das gehört zur Kindheit einfach dazu. Wie soll man die Welt erkunden, wenn man sie nicht entdecken kann? Wenn dann bereits im März mit Geschenkeentzug im Dezember gedroht wird, weil beim Spielen etwas zu Bruch gegangen ist, dann wird der Weihnachtsmann bald nicht mehr herbeigesehnt, sondern gefürchtet.

Dazu kommt, dass Kinder untereinander über ihre Geschenke reden. Hat der eine nun viel mehr als der andere vom Weihnachtsmann bekommen, kann das Neid und Missgunst erzeugen. Warum bekommt der mehr als ich, obwohl ich doch viel artiger war? Warum mag der Weihnachtsmann mich nicht?

Das ist ein Gedanke, den kein Kind jemals haben sollte. Da bin ich mir zumindest sicher.

Es gibt gute Gründe für eine Kindheit ohne Weihnachtsmann. Doch es ist nicht so einfach, sich von eigenen Kindheitserinnerungen zu lösen.
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Was bedeutet das für unser Familienleben?

Ganz ehrlich, wir wissen es noch nicht genau. Noch ist das Kind zu klein um an den Weihnachtsmann zu glauben, aber spätestens im nächsten Jahr sollten wir wissen, ob und wie der Weihnachtsmann in unserer Familie existieren wird.

Ich schätze aber, dass er uns besuchen wird. Aber vielleicht nur als Bonus. Der Weihnachtsmann bringt allen Kindern an Heiligabend ein oder zwei ganz besondere Geschenke. Die Wichtelwerkstatt stellt jedes Jahr nur eine begrenzte Anzahl an Geschenken her, mehr schaffen sie ja auch gar nicht, weil es so viele Kinder gibt. Die Hauptgeschenke gibt es, wie an Geburtstagen, von der Familie und von Freunden. Aber der Weihnachtsmann bringt ein Bonusgeschenk, etwas, was es am Geburtstag nicht geben würde.

Auf jeden Fall ist dieses Geschenk komplett unabhängig vom Verhalten des Kindes. Und wenn es vor Weihnachten noch so frech ist, der Weihnachtsmann bestraft nicht. Er beschenkt Kinder, weil er Kinder mag. Nicht, weil sie besonders artig waren oder immer brav ihr Gemüse gegessen haben.


Dies ist ein Beitrag für den #Blogvent2020. Alle Beiträge findest du in dieser Übersicht.

Wie sind eure Erinnerungen an Heiligabend und den Weihnachtsmann bzw. das Christkind? Und wie handhabt ihr die Weihnachtsmannproblematik bei euren Kindern?

6 Kommentare
  • Bei unseren Kindern gab es den Weihnachtsmann, wenn auch nicht persönlich. Er legte die Geschenke unter den Baum, während sie mit dem Hund unterwegs waren. Natürlich gab es Geschenke für alle und nicht nur für brave Kinder und mit dem Weihnachtsmann wurde auch nicht gedroht oder erpresst. Aber es gab auch Geschenke, die mit unter dem Baum lagen und dann zum Beispiel von Oma waren. Dann konnten die Kinder auch Oma danke sagen und für sie war das völlig in Ordnung. Ich Nachhinein kann ich sagen für uns war es so der richtige Weg.

  • ch habe mir ähnliche Gedanken gemacht. Ich bin mit dem Christkind aufgewachsen und wie du sagst, habe ich auch durchwegs positive Erfahrungen gemacht.
    Aber irgendwie hat das gestern Abend so nicht wirklich gepasst. Ich habe dann meinem Sohn erzählt warum wir Weihnachten feiern und dass wir uns gegenseitig beschenken, so wie Gott uns mit der Geburt von Jesus beschenkt hat.
    Dieses Jahr war es, glaube ich, noch nicht so wichtig, aber, wie bei dir, nächstes Jahr müssen wir uns entschieden haben.
    Liebe Grüsse und schöne Festtage
    Corina

    • Moin Corina,
      spannend, dass du es auch als irgendwie nicht passend empfunden hast, trotz positiven Erinnerungen. Das ist echt eine der Entscheidungen, von denen ich niemals im Vorfeld gedacht hätte, dass sie mal getroffen werden müssen.
      LG Lexa

  • Also an Weihnachten gab es bei uns immer das Christkind, das hat dann schnell die Geschenke unter den Baum, während wir in der Kirche waren. Ich weiß noch ,dass mir relativ früh aufgefallen ist, dass der Papa immer verdächtig spät in die Kirche kommt und somit hatte ich das ziemlich flott durchschaut :D. Ansonsten kam am 6. Dezember natürlich immer der Nikolaus mit Geschenken, wobei ich den Faktor mit dem Brav sein auch schwierig finde. Ich hatte da als kleines Kind auch immer Angst vor der Rute. Ich denke, dass man da definitiv sicherstellen sollte, dass Kinder diese Angst nicht entwickeln. Ich kann dir jetzt keine Tipps diesbezüglich geben, aber bin mir sicher, dass ihr da einen guten Weg finden werdet. Die Erklärung mit den Geschenken finde ich schon mal toll. Mir hat man immer gesagt, dass beide im Auftrag von Eltern und Familie tätig sind und die Geschenke von diesen kommen, sozusagen eine enge Zusammenarbeit :D.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Lexa,
    jetzt kommt meine Antwort sogar nach Weihnachten, aber so lange ist es ja zum Glück noch nicht her. Ich hoffe natürlich, du hast dieses Jahr dann auch einmal “Last Christmas” angemacht? Gibt da ja auch tolle Coverversion, die das Lied dann ja auch neu interpretieren und da frischen Wind reinbringen.

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